Michael Littger (DsiN): Sicherheit durch Digitale Aufklärung 2.0

Dr. Michael Littger von Deutschland sicher im Netz Foto: (DsiN)
Dr. Michael Littger von Deutschland sicher im Netz Foto: (DsiN)
Veröffentlicht am 14.09.2015

Seit 2013 ist Dr. Michael Littger Geschäftsführer von Deutschland sicher im Netz e.V. (DsiN). Nach beruflichen Stationen bei der Lufthansa AG, der EU-Kommission und Mayer Brown LLP war er von 2008-2013 als Leiter Digitale Wirtschaft im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) für die Themenfelder Digitale Wirtschaft, Telekommunikation und Medien zuständig.

Im Verein Deutschland sicher im Netz e.V. (DsiN) engagieren sich Unternehmen, Vereine und Branchenverbände der digitalen Wirtschaft und Gesellschaft. Sie leisten mit ihren konkreten Handlungsversprechen einen praktischen Beitrag für mehr IT-Sicherheit. Gegründet wurde der Verein 2006 als Ergebnis des ersten IT-Gipfels der Bundesregierung.

1. Der Bundestagsausschuss Digitale Agenda besteht seit eineinhalb Jahren, die Bundesregierung hat einen ersten Bericht zur Umsetzung ihrer im Jahr 2014 beschlossenen Digitalen Agenda vorgelegt. Sind Sie zufrieden mit den bisherigen Ergebnissen der Digitalisierungspolitik in Deutschland?

Die Bundesregierung hat in der Digitalen Agenda eine klare Richtungsentscheidung getroffen: Schutz, Sicherheit und Vertrauen sind Grundbedingung für die digitale Transformation. Dieser Gedanke zieht sich durch die gesamte Agenda und das ist gut!

Es ist inzwischen ja schon eine Binsenweisheit: Die Chancen der Digitalisierung können sich nur entfalten, wenn Bürger und Unternehmen mit der vernetzten Welt souverän und sicher umgehen können und Vertrauen gewinnen. Jetzt gilt es, konkrete Impulse für digitalen Schutz und IT-Sicherheit anzustoßen und umzusetzen. Für Deutschland sicher im Netz stehen hier naturgemäß Maßnahmen der digitalen Aufklärung im Vordergrund, also die Vermittlung von sicherheitsrelevantem Wissen für einen souveränen Umgang mit der digitalen Welt. Denn Aufklärung von Verbrauchern und Unternehmen ist – neben Maßnahmen der Regulierung und Technologieentwicklung – zentraler Baustein für IT-Sicherheit.

2. Wer waren für Sie im letzten Jahr die wichtigsten politischen Impulsgeber zur Digitalen Agenda?

DsiN-Geschäftsführer Dr. Michael Littger
Dr. Michael Littger von Deutschland sicher im Netz Foto: (DsiN)

Ich sehe ein konkretes Bemühen auf Seiten der Bundesregierung, Initiativen für die digitale Souveränität der Anwender zu fördern. Beispiele sind der Pakt für Digitale Bildung, die Bemühungen um das IT-Sicherheitsgesetz sowie die EU-Datenschutzverordnung.

Sehr zu begrüßen sind auch die diversen Aktivitäten, mit denen die digitale Aufklärung im Alltag der Verbraucher verstärkt wurde: Als Beispiele sind hier die DsiN-Projekte „Digitale Nachbarschaft“ für ehrenamtlich Engagierte durch den Bundesinnenminister, die Onlinestammtische für Senioren durch den Verbraucherschutzminister oder die Unterstützung von Berufsschulen zu sicherheitsrelevanten Fragestellungen durch den Bundeswirtschaftsminister zu nennen.

Mit dem Zusammenwirken der verschiedenen Ressorts der Bundesregierung in der Plattform von Deutschland sicher im Netz wird auch der Entschluss in der Digitalen Agenda, DsiN als Ansprechpartner für Verbraucher und Unternehmen zu unterstützen, umgesetzt.

Wir nehmen die Impulse der Bundesregierung durch die Digitale Agenda als Ansporn, mit allen Partnern gemeinsam noch mehr konkrete und wirksame Beiträge für die digitale Souveränität zu leisten. Einen Schwerpunkt setzen wir auf die Befähigung von Multiplikatoren sowie auch auf die Bündelung von gemeinnützigen Angeboten im Aktionsbund „Digitale Sicherheit“. Das ermöglicht enorme Hebeleffekte.

3. Welche drei Ziele sollten Ihrer Meinung nach bis zum Jahr 2017 auf jeden Fall erreicht sein?

Es zeichnet sich ab, dass Verbraucher und viele Unternehmen trotz aller Regulierung und digitaler Innovationen im Netz zunehmend verunsichert sind. Das zeigt auch der aktuelle DsiN-Sicherheitsindex.

Für eine erfolgreiche Digitalisierung – das Ziel der Digitalen Agenda – kommt es darauf an, die Menschen beruflich und privat durch eine geduldige und professionelle Informations- und Aufklärungsarbeit abzuholen. Dazu setzten wir auf drei Faktoren der digitalen Aufklärung, die ich mir in Erfüllung der Digitalen Agenda wünsche und auch für möglich halte:

Erstens: Die Professionalisierung der Aufklärungsarbeit, die auf die spezifischen Bedürfnisse der Digitalnutzer eingeht, anstelle einer Aufklärung mit der Gießkanne. Schon heute gibt es die souveränen Nutzer, die perfekt als Trainer und Multiplikatoren eingebunden werden können – es gibt aber auch die Fatalisten, Gutgläubigen oder Außenstehenden. Sie alle wollen wir erreichen.

Zweitens: Die Vernetzung solcher Aufklärungsangebote, die bereits echte Hilfestellungen für Verbraucher und Unternehmen darstellen. Mit dieser Bündelung werden bestehende Initiativen wirklich zugänglich und besser auffindbar. Neue Portale wie der Aktionsbund Digitale Sicherheit, in dem sich gemeinnützige Initiativen zusammengeschlossen haben, leisten dafür einen guten Anfang.

Drittens: Der Dialog zwischen allen Beteiligten, die sich mit IT-Sicherheit befassen, sollte intensiviert werden. Dadurch sollen die drei Faktoren Regulierung, Sicherheitstechnologie und digitale Aufklärung in einen gegenseitigen Austausch geführt werden, um sich im gemeinsamen Wirken gegenseitig zu verstärken.

4. Phishing, Digitale Erpressung und Hackerangriffe sind Gefahren, die es früher nicht gab. Wie kann angesichts dieser Entwicklung der in der Digitalen Agenda genannte „Vertrauensraum“ entstehen?

Mit dem Grad der Digitalisierung steigen die Herausforderungen an Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit digitaler Dienste und Anwendungen. Richtig ist aber auch, dass bis zu 80 Prozent der Cyberangriff schon bereits durch etwas mehr digitale Aufmerksamkeit und einfachste Vorkehrungen abgewehrt werden könnten.

Die Digitale Agenda stärkt dazu zu Recht Initiativen, die die Risikoeinschätzungskompetenz sowie die Kenntnisse über Schutzmaßnahmen von Digitalanwendern verbessern. Der DsiN-Sicherheitsindex zeigt, dass in vielen Fällen nicht mangelnde Kompetenzen, sondern schlichte Bequemlichkeit der Grund für fehlende Sicherheitsvorkehrungen sind.

Hier beginnt die Professionalisierung der Digitalen Aufklärung, die ich als die eigentliche Herausforderung sehe: die Überwindung der – sehr menschlichen Bequemlichkeit – bei Verbrauchern zu Gunsten einer gewissen Grundaufmerksamkeit im Netz sowie auch die Motivation zu den notwendigen Sicherheitsvorkehrungen innerhalb von Unternehmen.

5. Die Bundesregierung stellt Mittel zur Verfügung, um in allen Sicherheitsbehörden die Ressourcen aufzustocken. Seit Ende Juli ist zudem das IT-Sicherheitsgesetz in Kraft. – Sind wir gut gerüstet gegen die wachsende Cyber-Kriminalität?

Sicher bedarf die Digitalisierung in manchen Bereichen einer Überarbeitung von Regulierungen, um sich gegen neue Risiken im Cyberraum wirksamer aufzustellen. Gerade im Bereich der Abwehr von Cyberangriffen gegen Bürger und Unternehmen verbleibt aber ein großer Teil der Verantwortung bei den Digitalanwendern selbst. Das können wir gut oder schlecht finden – es ist jedenfalls ein Faktum.

Der DsiN-Sicherheitsindex hat ergeben, dass eine gewisse digitale Sorglosigkeit bei Verbrauchern dazu führt, dass sie Angreifern oftmals Tür und Tor öffnen: Wenn ich auf einen nicht vertrauenswürdigen Link eines mir nicht bekannten Mailpartners gehe, muss ich mit Malware oder Schlimmerem rechnen. Dasselbe gilt für die Verwendung von USB-Sticks im Unternehmen, deren Herkunft ich nicht zweifelsfrei kenne.

Laut DsiN-Index benötigen 60 Prozent der Nutzer eine aktivere Unterstützung. Dazu leisten wir als Verein einen Beitrag, der allerdings erst durch die Zusammenarbeit mit engagierten Unternehmen, Verbänden, gesellschaftlichen Organisationen und Netzwerken funktioniert – gestärkt durch das klare Bekenntnis in der Digitalen Agenda zu Schutz, Sicherheit und Vertrauen im Netz.

6. Der DsiN-Sicherheitsindex 2015 hat ergeben, dass viele Verbraucher zwar um die Gefahren im Internet wissen, aber trotzdem selbst zu wenige Schutzmaßnahmen ergreifen. Was ist Ihre Strategie, um mehr Menschen zu mehr Eigeninitiative in puncto Sicherheit zu motivieren? Welche Unterstützung benötigen Sie dafür von der Politik?

Unsere Strategie ist die Digitale Aufklärung 2.0: Diese umfasst einen individuellen Aufklärungsmix, der auf die Bedürfnissen der jeweiligen Nutzergruppe eingeht. Darüber befördern wir den vereinfachten Zugang zu Aufklärungsangeboten – beispielsweise im Aktionsbund Digitale Sicherheit und suchen den Dialog mit Partnern aus Forschung und Politik, um Grund und Grenze der Aufklärungsarbeit gemeinsam zu besprechen.

Tatsächlich ist es so, dass die Politik die Relevanz digitaler Aufklärung in der Digitalen Agenda schon recht gut adressiert hat – und auch Taten folgen lässt. Es wäre schön, wenn bestehende Engagements zur digitalen Aufklärung von Wirtschaft und Behörden jetzt noch besser vernetzt würden und gute Ideen dadurch noch bessere Entfaltung und Verbreitung finden: Für mehr Schutz und Vertrauen der Bürger und Unternehmen.

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