Arbeiten 4.0:

DGB-Befragung bestätigt Stress und Überlastung

Am 9. und 10. Mai präsentieren Bundesministerin für Arbeit und Soziales Andrea Nahles (SPD) und ihr Staatssekretär Thorben Albrecht verschiedene Aspekte des Weißbuchs „Arbeiten 4.0“ auf der re:publica in Berlin. Bei der Digitalkonferenz stellt die Ministerin ihre Version von einem persönlichen Erwerbstätigenkonto vor, das Arbeitnehmern selbstbestimmte Auszeiten erlauben soll, zum Beispiel für Weiterbildung oder gar eine Gründung. Thorben Albrecht gibt einen Ausblick, wie es aus Sicht des Ministeriums nun – nach Fertigstellung des Weißbuchs – weitergehen kann in der Arbeitspolitik. Ein Arbeiten-4.0-Gesetz plant das BMAS jedenfalls derzeit nicht vorzulegen. Dass bei der Digitalisierung der Arbeitswelt weiter politischer Handlungsbedarf besteht, legt eine Studie des Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) nahe.

Stress durch digitale Arbeit

In der Sonderauswertung des DGB-Index Gute Arbeit aus dem Jahr 2016 wurde analysiert, welche Auswirkungen digitale Arbeit auf Beschäftigte hat – denn immerhin 30 Prozent arbeiten nach eigenen Angaben bereits in hohem, weitere 30 Prozent in sehr hohem Maße mit digitalen Mitteln. „Arbeitshetze, Arbeitsintensivierung und zunehmende Unterbrechungen des Arbeitsablaufes“ gehören den Ergebnissen nach zu den belastenden Nebeneffekten der Digitalisierung. Für Annelie Buntenbach, Mitglied des geschäftsführenden Bundevorstandes des DGB, steht fest, dass etwas schief läuft, wenn digitale Hilfsmittel die Arbeit nicht erleichtern, sondern zusätzliche Belastungen mit sich bringen. Für den DGB-Index Gute Arbeit wurden im Jahr 2016 rund 10.000 Beschäftigte bundesweit befragt. Im Rahmen der aktuellen Sonderauswertung wurden sowohl die direkt wahrgenommene Wirkung der Digitalisierung auf die Arbeit analysiert als auch Rückschlüsse anhand der Angaben der Beschäftigten darüber gezogen, wie intensiv sie bei der Arbeit mit digitalen Mitteln Arbeiten.

Viele fühlen sich „ausgeliefert“

Direkt nach den Auswirkungen der fortschreitenden Digitalisierung auf ihre Arbeit gefragt, geben 46 Prozent der Beschäftigten an, dass die Gesamtbelastung zugenommen hat. Etwa genauso viele (45 Prozent) haben jedoch keine Zu- oder Abnahme feststellen können. Ein Großteil der Beschäftigten (56 Prozent) stellt fest, dass mit digitalen Hilfsmitteln die Zahl der gleichzeitig zu bewältigenden Aufgaben zugenommen hat, d.h. ihnen Multitasking abverlangt wird. Rund die Hälfte (46 Prozent) hat festgestellt, dass die Kontrolle oder Überwachung der Arbeitsvorgänge durch die Digitalisierung zugenommen hat. In welcher Form und welchem Umfang sie digitale Hilfsmittel einsetzen, können nur sehr wenige Beschäftigte beeinflussen, nämlich insgesamt 26 Prozent. Es überrascht deshalb nicht, dass ein verhältnismäßig großer Teil sich bei seiner Arbeit der digitalen Technik „ausgeliefert“ fühlt. 22 Prozent gaben an, dass dies sehr häufig passiert. 23 Prozent sagten, dass es oft vorkommt.

Technikeinsatz noch nicht optimal

Bei der Frage nach Hetze und Zeitdruck bei der Arbeit wurde in der Sonderauswertung deutlich, dass Beschäftigte, die digital arbeiten, sich häufiger gestresst fühlen (61 Prozent) als jene, die keine digitalen Hilfsmittel benötigen (51 Prozent). Das liegt nach Einschätzung des DGB aber eher an der Art, wie die Technik eingesetzt wird, und nicht allein daran, dass sie eingesetzt wird. Digitale Arbeit funktioniert noch nicht reibungslos, das ist eine andere Feststellung des DGB. Die digital arbeitenden werden doppelt so oft (69 Prozent) häufig durch beispielsweise technische Probleme, Telefonate und Kollegen bei der Arbeit unterbrochen als diejenigen, die ohne Digitaltechnik auskommen (36 Prozent). Auch der Leistungsdruck steigt. Die Auswertung zeigt, dass hochgradig digitalisierte Arbeit mit einer starken Zunahme der Arbeitsintensität einhergeht – 43 Prozent der Beschäftigten in Digital-Jobs wird mehr Arbeit in derselben Zeit abverlangt. Dass Frauen proportional mehr Belastungen durch digitale Arbeit erfahren als Männer, hat auch die aktuelle Sonderauswertung des DGB-Indexes bestätigt. Besondere Erkenntnisse dazu hatte der DGB bereits im Februar in einer anderen Sonderauswertung veröffentlicht.

Linke fordert „Anti-Stress-Verordnung“

Für die gewerkschaftspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Die Linke, Jutta Krellmann, ergibt sich aus den neuen Zahlen des DGB ein klarer arbeitspolitischer Handlungsauftrag. Sie fordert eine „Anti-Stress-Verordnung“ im Arbeitsschutz und mehr Mitspracherechte für Arbeitnehmer an der Gestaltung der digitalen Arbeitswelt.

„Die Digitalisierung kann einen Beitrag leisten zur Humanisierung der Arbeit, tatsächlich hält sie aber vielfach nur als Rationalisierung von oben Einzug in die Betriebe. Fragen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes gewinnen an Bedeutung. Das goldene Dreieck mit dem Achtstundentag, der 40-Stundenwoche und mindestens 11 Stunden Ruhezeit gerade für die digitale Arbeit notwendig, um Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vor unzumutbarer Arbeitsverdichtung und Hetze bei der Arbeit zu schützen. Die Forderung der IG Metall nach einer Anti-Stress-Verordnung gewinnt durch die Digitalisierung weiter an Dringlichkeit“, erklärt dazu IG-Metall Vorstandsmitglied Hans Jürgen Urban.

Der vorstehende Artikel erscheint im Rahmen einer Kooperation mit dem Tagesspiegel Politikmonitoring auf UdL Digital. Lina Rusch schreibt über Netzpolitik und beobachtet die Landespolitik.

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