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Langsame Verbreitung digitaler Technologien bremst Produktivitätswachstum

Die langsame Verbreitung neuer, digitaler Technologien wird zu einem Hindernis für das Wachstum der Produktivität in Deutschland. Zu diesem Ergebnis kommt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrem aktuellen Jahresbericht zur wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland, der am 12. Juni veröffentlicht wurde. Die Arbeitsproduktivität in Deutschland, so die OECD, sei zwar vergleichsweise hoch und liege über dem Durchschnitt der Industriestaaten in der OECD, doch ihr Wachstum habe stark abgenommen. Am selben Tag wurde der „Monitoring-Report Wirtschaft Digital 2018“ vom Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) vorgelegt. Für den Bericht wurden Entscheider aus der Wirtschaft zur Digitalisierung in ihrem jeweiligen Unternehmen befragt, woraus dann ein Digitalisierungsindex gebildet worden ist. Demnach hat in den vergangenen beiden Jahren insbesondere die Industrie Fortschritte gemacht und damit zum Dienstleistungssektor aufgeholt.

Foto: CC BY 2.0 Flickr User Bernard Goldbach. Bildname: Boomerang for gmail. Ausschnitt bearbeitet.

OECD-Wirtschaftsbericht Deutschland 2018

Der OECD-Bericht zeigt auf, dass das Wachstum der Arbeitsproduktivität in Deutschland von durchschnittlich rund 1,6 Prozent im Jahr zwischen 1996 und 2006 auf durchschnittlich 0,4 Prozent im Zeitraum 2006 bis 2016 abgesackt ist. Ursachen dafür seien unter anderem eine „gedämpfte Investitionstätigkeit“, „zunehmende Kompetenzengpässe“ und eine „verlangsamte Einführung neuer Technologien“. Die Verbreitung innovativer Technologien kann aus Sicht der OECD vor allem durch zwei Dinge verbessert werden: Die Förderung unternehmerischer Initiativen und den Ausbau digitaler Hochgeschwindigkeitsnetze. Schnelle Breitbandverbindungen könnten laut OECD nach zehn Jahren zudem für ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von drei Prozent sorgen.

Aktuell ist die durchschnittliche maximale Verbindungsgeschwindigkeit in Deutschland mit etwas über 60 Mega-bits pro Sekunde im Vergleich der OECD Länder gering. Dies bremst die Verbreitung neuer Technologien aus, da diese oftmals datenintensiv sind und eine schnelle Internet-Verbindung voraussetzen. Die OECD begrüßt vor diesem Hintergrund das Ziel der Bundesregierung, bis 2025 einen flächendeckenden Ausbau gigabitfähiger Breitbandnetze zu erreichen, fordert aber vermehrte Anstrengungen auf der Investitionsseite. Neben einer Förderung privater Investitionen rät die Organisation der Industriestaaten aber auch dazu, den Wettbewerb zu stärken.

So würden bessere Mobilfunkdienste die Nachfrage nach gigabitfähigen leitungsgebundenen Breitbandnetzen erhöhen und „so über Skaleneffekte den Ausbau erleichtern und die Zugangspreise senken helfen“. Die Bundesregierung, so die OECD, sollte daher die anstehenden Frequenzausschreibungen für 5G nutzen, um den Wettbewerb im Mobilfunk zu fördern. Bei einem Anstieg der Zahl der Betreiber von Mobilfunknetzen in Deutschland von drei auf vier, rechnet die OECD mit einem „erheblichen Effekt“ auf „Preisniveau und Innovationsfähigkeit“.

Mittelfristig könne das Produktivitätswachstum in Deutschland zudem dadurch verbessert werden, dass für Arbeitskräfte mit einem „hohen Automatisierungs- bzw. signifikantem Veränderungsrisiko“ frühzeitig mehr Weiterbildungsmöglichkeiten geschaffen werden. „Mit der zunehmenden Nutzung digitaler Technologien steigt der Bedarf an Lese-, Mathematik- und Problemlösungskompetenzen“, unterstreicht der OECD-Bericht.

Monitoring-Report Wirtschaft Digital

Für die Kurzfassung des „Monitoring-Reports Wirtschaft Digital 2018“ und den darin enthaltenen „Wirtschaftsindex Digital“ des BMWi wurden „hochrangige Entscheider“ aus 1.061 Unternehmen interviewt. Abgefragt wurde die Bedeutung der Digitalisierung im Allgemeinen und für den Erfolg des eigenen Unternehmens, der Stand der unternehmens-
internen Digitalisierung sowie die Nutzung digitaler Technologien. Der Index erreicht wie im Vorjahr 54 von 100 Punkten. Während der Dienstleistungssektor, laut Bericht, auf hohem Niveau in eine Konsolidierungsphase eintritt und einen Rückgang von 57 auf 55 Punkte zu verzeichnen hat, konnte die Industrie ein Plus verzeichnen. Ihr Wert stieg das zweite Jahr in Folge von 45 auf 48 Punkte. Von 2016 auf 2017 war ebenfalls ein Anstieg um drei Punkte zu verzeichnen. Im Zeitraum 2016 bis 2018 hat die Industrie insbesondere einen Sprung bei der Digitalisierung interner Prozesse gemacht. Hier stieg der Indexwert von 46 auf 58 Punkte.

Trotzdem bleibt die Dienstleistungsbranche der Wirtschaftszweig mit der „höchsten Digitalkompetenz“. Im Branchenvergleich rangieren die IKT-Brache (74 Punkte), wissensintensive Dienstleister (63 Punkte), Finanz- und Versicherungswirtschaft (61 Punkte) und der Handel (54 Punkte) vor der Chemie- und Pharmaindustrie (50 Punkte), dem Maschinenbau (48 Punkte) sowie der Energie- und Wasserwirtschaft (47 Punkte). Unter den sogenannten „digitalen Vorreitern“, Unternehmen mit Indexwerten von 81 bis 100 Punkten befinden sich bisher nur fünf Prozent Industrieunternehmen. Wie der OECD-Bericht betont auch der Monitoring-Report Wirtschaft Digital die Bedeutung des Breitbandausbaus für die weitere Digitalisierung der deutschen Wirtschaft. Rund 61 Prozent der befragten Unternehmensvertreter forderten dies als zentrale Voraussetzung, die die Politik erfüllen müsse. Mit 13 Prozent weit abgeschlagen folgen die Forderung nach „digitalisierungsfreundlichen Rahmenbedingungen“ und der finanziellen Förderung von Digitalisierungsprojekten. Als externe Hemmnisse für die Digitalisierung betrachten die Befragten neben einem unzureichend leistungsfähigen Breitbandnetz unter anderem zu strikte Datenschutzregeln und unzureichende IT-Sicherheit. Geht es um unternehmensinterne Hemmnisse werden ein „zu hoher Zeitaufwand“, „fehlendes Know-how“ der Mitarbeiter und ein „hoher Investitionsbedarf“ angeführt.

Der vorstehende Artikel erscheint im Rahmen einer Kooperation mit dem Tagesspiegel Politikmonitoring auf UdL Digital. Hendrik Köstens ist Chef vom Dienst und Analyst für Energiepolitik.