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Tweets aus dem Sommerloch

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Foto: CC BY 2.0 homegets.com. Ausschnitt bearbeitet.

Es ist Sommerpause im politischen Berlin und die meisten Abgeordneten dürften momentan viel Zeit in ihren Wahlkreisen oder im Urlaub verbringen. Abgesehen von einigen eifrigen MdBs, die sich für Sommer-Interviews bereit erklären, hört man in den Monaten Juli und August nicht viel von den 709 Parlamentariern – es sei denn, man folgt ihnen auf Twitter. Dort lassen einige Abgeordnete auch im Sommerloch ihre Follower nicht im Stich.

Twitter-König weilt auf Wangerooge

Er war ja schon immer sehr aktiv auf Twitter, aber in der parlamentarischen Sommerpause hängt er alle anderen MdBs ab: der Sozialdemokrat Johannes Kahrs. Fast alle 22 Urlaubstage plus den Pack-, Reise- und Anfahrtstag kommentierte der Bundestagsabgeordnete für Hamburg-Mitte auf Twitter, inklusive der bestehenden Wetter- und Windlage auf “seiner” Insel Wangerooge, ausgewählter Zeitungslektüre und begangenen Aktivitäten am Tag. Insgesamt kommt Kahrs im Zeitraum zwischen dem 22. Juni und 23. Juli auf ganze 4.408 Tweets – also im Durchschnitt 138 pro Tag – analysierte das Marktforschungsinstitut pollytix. Neben den selbst verfassten Tweets dürfte Kahrs also auch im Strandkorb fleißig retweetet haben. Nicht annähernd so viel wie Kahrs twitterte der Zweitplatzierte: Udo Hemmelgarn (AfD), mit „nur“ 1.437 Tweets. Es scheint, als kommentierte Kahrs auf Twitter so gut wie alles, was ihm unter die Lesebrille kommt. Darunter die Debatte um den Austritt Mesut Özils aus der Deutschen Nationalelf und die Twitter-Kampagne #meTwo. Themen, zu denen sich auch viele andere MdBs auf Twitter derzeit ihre Gedanken machen.

Özil vs. Künstliche Intelligenz

Zum Beispiel der Grünen-Politiker und Mitglied des Digitalausschusses Dieter Janecek, der auch in der Sommerpause Digitalpolitiker bleibt. Zum Thema #özil schrieb er auf Twitter: „Gute Frage. #Özil vs. #KünstlicheIntelligenz“. Zum Verständnis hilft ein Blick auf die Tweet-Chronologie: Zuvor hatte Janecek einen Ausschnitt aus der FAZ geteilt, der Missverständnisse über kulturelle Codes im Fall Özil aufzuklären versucht – etwa darüber, warum Özil auf das für Erdogan bestimmte Trikot „Für meinen Präsidenten“ schrieb. Es wird erläutert, dass das Possessivsuffix „mein“ in der türkischen Umgangssprache üblich ist, um der angesprochenen Person – besonders Ministern, Professoren oder Präsidenten – Respekt gegenüber zu bringen. Diese Anrede hat aber nichts mit einer Identifizierung mit dieser Person zutun. Der KI-Unternehmer Steffen Konrath kommentierte daraufhin:

„[…] wenn wir mit (kulturellen) Codes schon so Schwierigkeiten haben, wie herausfordernd ist es erst, wenn wir Künstliche Intelligenz entwickeln, wenn wir einer Maschine also “Bedeutung” vermitteln wollen? #ArtificialIntelligence#EthicalByDesign“.

Politiker zu #MeTwo

Viele Stimmen von MdBs werden dieser Tage auch zur #meTwo-Kampagne laut. Unter dem Hashtag berichteten in den letzten Tagen schon tausende Menschen über ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus in Deutschland. Saskia Esken schrieb dazu: „Sich in der Bäckerschlange Gedanken über die Rechtschaffenheit fremd aussehender Menschen machen – für diese öffentliche Rechtfertigung und Institutionalisierung von #Alltagsrassismus hab ich mich fremdgeschämt wie für #meTwo“. Außenminister Heiko Maas appelliert derweil an alle, die glauben, Rassismus sei in Deutschland kein Problem mehr, sich sämtliche #meTwo-Tweets durchzulesen. „Es ist beeindruckend und schmerzhaft, wie viele Menschen hier ihre Stimme erheben. Erheben wir unsere Stimme mit ihnen: gegen Rassismus, jederzeit, überall“, verkündete er per Tweet und mit dem für die Sozialdemokraten inzwischen “obligatorischen” Europaflaggen-Profilbild.

Wenige Stimmen dazu sind aus den Reihen der CSU zu vernehmen. Zu hoffen ist, dass die CSU-Parteikollegen aus dem Bundestag nicht mit jenem Tweet des bayerischen CSU-Landtagsabgeordneten Sebastian Fischer übereinstimmen. Dieser bezeichnete die Kampagne als “lächerlich”:

„Hahaha – Sinn und Unsinn dieser lächerlichen #metwo– Debatte gut zusammengefasst. Ein typisches #Wohlstandsphänomen– wie so oft in #Deutschland! #Saxlt“.

Klimaretten – per Tweet

Auch die extreme Warmwetterlage in Deutschland geht an den MdBs nicht zwitscherlos vorbei. Dabei geht es unter anderem darum, sich gegen Stimmen aus der AfD zu behaupten, die all jene als „Klimanazis“ beschimpfen, die die Hitzewelle mit der Klimakrise in Verbindung bringen. Laut der parlamentarischen Geschäftsführerin der Bundesfraktion Bündnis 90/die Grünen, Britta Haßelmann, sind „#Klimawandel, Wetterextreme, Dürre und ihre Folgen für Natur und Umwelt unübersehbar“. In einem Tweet ruft sie zum „endlich handeln“ auf. Auch Karl Lauterbach von der SPD stemmt sich mit aller Kraft gegen die AfD. Auf einen Tweet, in dem die AfD-Politikerin Beatrix von Storch auf ein angebliches „#Klimakrisen-Gekreische der Klimanazis“ eingeht, antwortet er: „Ständig heißere Jahre, Dürre, schlechteste Ernte seit 100 Jahren. Hysterisch ist die AfD Hetze gegen Flüchtlinge. Nicht die Sorge um das Klima. Diese ist dringend nötig.”

Nicht unkommentiert bleibt auch die derzeitige Notlage von Bäuerinnen und Bauern. Für Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckhardt ist klar: „#Hitzewelle und #Dürre er Hitze sind Ergebnis der #Klimakrise“. Deswegen plädiert sie für folgende Schritte, die sie auch auf Twitter teilte: „1. Bauern helfen 2. Raus aus der industriellen Landwirtschaft 3. Mehr Bodenschutz 4. Mehr Waldschutz 5. @JuliaKloeckner muss Agrarwende einleiten“.

Johannes Kahrs ist übrigens seit ein paar Tagen aus dem Urlaub zurück. Um die 60 Tweets hat er seither gepostet. Seinem Twitter-Account hat der Urlaub auf jeden Fall gut getan.

Beitragsbild: CC BY 2.0, “Abstract art artistic” by Flickr User David Stewart, Ausschnitt bearbeitet