Das Bild ist das neue Wort

Bilder wie diese bekommt man von Peer Steinbrück auf Instagram.
Bilder wie diese bekommt man von Peer Steinbrück auf Instagram.

Sie kommen als erstes und sie gehen als letztes – die Plakate auf den Straßen des Bundestagswahlkampfs. Der Gang zum Wahllokal ist gesäumt von den Gesichtern der Kandidaten und den Slogans der Parteien. Eindeutig muss die Botschaft eines Plakates sein, das eine so lange zeitliche Präsenz hat.

Doch die Bilder befinden sich längst nicht mehr nur an Laternenpfosten, sondern kursieren auch online auf diversen Pinnwänden und Timelines. Durch das Bildernetzwerk Instagram verbreiten inzwischen 130 Millionen Nutzer jeden Tag 16 Milliarden Fotos in ihren sozialen Netzwerken – noch vor drei Jahren hatte Instagram erst eine Million registrierte Nutzer. Die wachsende Bedeutung von Bildern in der digitalen Kommunikation hat auch Facebook erkannt und den Fotodienst letztes Jahr gekauft. Seitdem ist im Kommentarfeld von Facebook die Funktion des Foto-Uploads verfügbar und seit der letzten Überarbeitung des Nachrichtenstroms im August werden Fotos stärker gewichtet.

Dieser Trend zur Visualisierung der Kommunikation geht auch an den Wahlkämpfern zur Bundestagswahl nicht spurlos vorbei. Alle Parteien setzen auf die Macht der Bildsprache – allerdings in ganz unterschiedlicher Weise. Während Angela Merkel für ihren Imageflyer im privaten Fotoalbum gekramt hat, gibt Peer Steinbrück über sein Profil bei Instagram Einblicke in den Wahlkampf und setzt dabei auf spontane Bildsprache. Dramatischer geht es bei den Grünen zu, die mit drastischen Bildgegenüberstellungen an der „heilen Welt“ der bürgerlichen Regierungskoalition kratzen.

Kontrollierte Schnappschüsse vs. kontrollierte Portraits

Auch in früheren Wahlkämpfen gab es allerlei Kuriositäten. Durch die stärkere Gewichtung, die die digitale Kommunikation auf das Bild legt, ist der Hang zum aufwendig inszenierten Kunstwerk der Tendenz zu lockeren, aber durchaus kontrollierten Schnappschüssen gewichen. Mit Blick auf die Wahlplakate der letzten drei Bundestagswahlen könnte man bei den großen Volksparteien auch eine gewisse Instagram-Mentalität diagnostizieren.

Während im Wahlkampfjahr 2005 sowohl CDU als auch SPD nur auf die Darstellung der jeweiligen Kanzlerkandidaten ausgerichtet waren, peppte die CDU im Laufe des darauffolgenden Wahlkampfes 2009 ihre Plakate mit Merkels bekanntesten Kabinettsmitgliedern auf, die in lockeren Posen und Momentaufnahmen präsentiert wurden. Die SPD hingegen sprach mit gestellten Portraits von unterschiedlichen Bürgern gezielt die verschiedenen Wählerschichten an. Im derzeitigen Wahlkampf setzen nun beide Volksparteien auf inszenierte Schnappschüsse von Alltagsszenen. Die Konservativen folgen dabei eher dem Schema „Glückliche Welt“ und setzen dafür auf Models, während die Sozialdemokraten versuchen, mit echten Menschen und ihren Forderungen zu punkten.

Kleine Parteien bleiben ihrem Stil treu

Die FDP hat ihre Strategie, ihre Spitzenpolitiker in simplen Portraitaufnahmen auf den Wahlplakaten zu präsentieren, in den letzten drei Bundestagswahlkämpfen konsequent durchgezogen, zuletzt vor blauem statt knallgelbem Hintergrund. Auch die Grünen bleiben dabei, ihre politischen Botschaften mit auffällig bunten Bildern zu transportieren. Während die Grünen 2005 noch auf Testimonials setzten, standen 2009 dann Graffiti-Bilder im farbenfrohen Comic-Stil neben den auffällig geschönten und geglätteten Close-Ups der grünen Führungsriege. Im Vergleich dazu verfolgen die Grünen im aktuellen Wahlkampf wieder einen etwas natürlicheren Ansatz, mit einer Mischung aus individuellen Momentaufnahmen und gezielten Schnappschüssen.

In diesem Wahlkampf könnten allerdings die Kampagnen-Manager den Visualisierungstrend auch ein bisschen übertrieben haben. Erfahrene Kampagneros wie Frank Stauss, Geschäftsführer der Agentur Butter, können den aktuellen Kampagnen jedenfalls nicht viel Positives abgewinnen. Viele schöne Bilder, aber keine Wirkung beim Betrachter, kommentiert der ehemalige SPD-Wahlstratege das Angebot an Wahlplakaten: „Die derzeitigen Plakate unterfordern die Menschen intellektuell. Da bleibt im Prinzip nichts hängen.“ Dies scheinen auch andere so zu sehen, denn ein Trend im Netz sind in diesem Jahr selbst erstellte Persiflagen von Wahlplakaten. Das trifft neben den Regierungsparteien CDU und FDP auch die SPD. Zunehmend beliebt als Transportmittel jeglicher visueller und akustischer Botschaften ist außerdem das Video. Nachdem Instagram mit der neuen Video-Funktion dem Twitter-Dienst Vine schon Konkurrenz macht, wird vielleicht das bewegte Bild bald das neue Wort.

Der vorstehende Artikel erscheint im Rahmen einer Kooperation mit dem Berliner Informationsdienst auf UdL Digital. Aylin Ünal ist als Redakteurin des wöchentlich erscheinenden Monitoring-Services für das Themenfeld Netzpolitik verantwortlich.

Kreativ im Wahlkampf: Die Grünen
Kreativ im Wahlkampf: Die Grünen

7 Kommentare

  1. Mit Bildern statt mit Texten die Menschen zu adressieren, die nicht lesen können, ist ein uraltes Stilmittel. Zu Beginn des vorigen Jahrtausends wurde die biblische Geschichte in Gemälden und Skulpturen an Kirchenwände gepflastert. Byzantinische Ikonographie war weit verbreitet bis in das 20. Jahrhundert hinein, wo es zu Festtagen Glanzbildchen fürs Gebetbuch gab. Bis zur Zeit der industriellen Revoultion konnten weit über 90% der Bürger nicht lesen. Insofern ist der Rückfall auf Bildchen nichts Modernes, sondern Rückfall in die Zeit der Analphabeten. Auch eine klare Message, was man von seinem Wähler hält.

    • Das als Erklärung ist mir zu plakativ und zu einfach. „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ ist als Zitat ein schönes Beleg dafür, dass man nicht dumm oder ungebildet sein muss, um Bilder „richtig“ zu deuten. Im Gegenteil: Ein „richtiges“ Bild entstehen zu lassen, ist nicht einfacher als eine umfangreiche Rede zu schreiben.

      • In meiner Version stand nicht „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“. Bei mir steht als Überschrift: „Das Bild ist das neue Wort“. Das hat mich irritiert, da schon vor mehr als 1000 Jahren Bilder für Leseunkundige eingesetzt wurde (siehe christliche Kirchen in Westrom und Ostrom). Da kann ich das Neue nicht erkennen, wenn man auf uralte Technologien zurückgreift.

        Das Problem bei der Verbilderung des Wahlkampfes ist nicht der Aufwand, den man für die Erstellung eines Bildes braucht, sondern der Verzicht auf komplexen Diskurs. Man kann nicht einem Bild sagen, wie man sich z.B. Energiewende vorstellt: Modernisierung des EEG, Anschluss des Windparks Borkum Riff mittels Stromleitungen, die Tennet rechtswidrig nicht baut, Verzicht auf Dumping an der Leipziger Strombörse, wo Kohlestrom für 1 Cent/kWh verkauft wird udn die Umwelt verpestet, wie man Desertec endlich voran bringt, was man von Endlagern hält, usw. Durch das Bild wird der Wähler verdummt und zu einem leseunkundigen Gläubigen wie bei den Katholiken vor 1000 Jahren degeneriert. Mit der aufkeimenden Inquisition durch die NSA und die SPD-Vorratsdatenspeicherung wie damals 🙂

  2. Die Linken sind ebenfalls unter dem Motto „Kleine Parteien bleiben ihrem Stil treu“ einzuordnen, da sie die letzten Jahre stets auf einfache, aber auffällige Plakate gesetzt haben. Neben den wenigen Kandidatenplakaten ist der Linken-Wahlkampf allerdings eher textlastig, wenn auch mit auffälliger Farbgebung. Experimentierfreudige Bildelemente, wie etwa bei den Grünen, oder persönliche bzw. gestellte Alltagsszenen wie bei den beiden großen Volksparteien sind bei den Linken nicht üblich.

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