Europäische Vorbilder:

Coden und 3D-drucken in der Schule 4.0

Derzeit wird es immer enger für Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU). Die hatte sich für die groß angekündigten fünf Milliarden Euro für ihren viel gelobten Digitalpakt vorher nicht das Okay von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) geholt und steht derzeit mit leeren Händen da. Auch die Beratungen zum Digitalpakt werden vom BMBF aktuell nicht vorangetrieben, so dass die Bundesländer nun erst einmal weder zusätzliches Geld noch eine verlässliche Planungsgrundlage für Fortschritte in der digitalen Bildung in der Tasche haben. Bei vielen unserer europäischen Nachbarn klappt das deutlich besser. Italiens Regierung beispielsweise stellt drei Milliarden Euro pro Jahr für strukturelle Veränderungen an Schulen zur Verfügung. In Österreich startet in diesem Herbst die Digitalisierungsoffensive Schule 4.0. Was sind die Vorreiterideen unserer Nachbarn, um das Bildungswesen ins digitale Zeitalter zu katapultieren?

Europäisches Parlament in Strasbourg
Digitale Bildung im europäischen Vergleich.

Programmieren lernen in e-Estland

In Estland kann jeder zumindest e-Bürger des Landes werden. Hoch digitalisiert ist der Verwaltungsapparat und freies WLAN genießen die Esten schon seit der Jahrtausendwende. Außerdem investiert Estland in die Erfinder der neuen digitalen Zukunft. Bereits ab sechs Jahren können estnische Kinder in der Grundschule Programmieren lernen. Spielerisch coden sie eigene Software oder steuern selbstgebastelte Roboter durchs Klassenzimmer. Manch eine Klasse hat sogar einen 3D-Drucker, der das von Schülern digital entworfene Design drucken kann. Und auch wenn nicht jedes Klassenzimmer die neuste Technik besitzt, hat Estland bereits vor 20 Jahren damit begonnen, die Schulen mit den Basics auszustatten – also Computer und WLAN. Außerdem sind die Lehrer in Estland freier in der Ausgestaltung des Curriculums mit digitalen Lernformaten und Tools als in Deutschland.

Neues Curriculum in der Finnland-Cloud

Das finnische Bildungssystem steht schon lange an der Spitze weltweit: Der Lehrerberuf ist hoch angesehen, die Klassen sind klein und individuelle Förderung ist Standard. Das Bildungskonzept beruht auf Zusammenarbeit statt Konkurrenz und erst mit 16 legen Schüler ihren ersten wichtigen Test ab: das e-Exam. Denn seit Herbst 2016 setzt Finnland eine umfangreiche Reform des Bildungssystems um, damit das Land auch im digitalen Zeitalter an der Spitze bleibt. Neben dem Schreiben mit Stift lernen Grundschüler nun auch das tippen auf der Tastatur, um einen Text zu verfassen. Zusammen mit der Gaming Industry erforschen Pädagogen außerdem neue spielerische IT-basierte Methoden, um digitale Kompetenzen schon früh zu entwickeln – und Spaß daran zu haben. Im Zentrum steht hier „learning by doing“, Kreativität und selbstständiges Erarbeiten von Informationen mit Hilfe von Tablets ebenso wie mit Zeitungen. Und auch die Schulverwaltung wird digitalisiert mit der Einführung von Clouddiensten oder Wilma, dem digitalen Klassenbuch.

Digitale Kompetenz in Tschechien

Tschechische Schüler waren 2014 die Überraschungsgewinner der „International Computer and Information Literacy Study“ (ICILIS) im Auftrag der europäischen Kommission. Sie erzielten die meisten Punkte im Bereich Computer und Informatik. Tschechien hat bereits 2007 einen nationalen Rahmenplan verabschiedet, der die Einführung von modernen Informationstechnologien an Schulen regelt. Die Schulen entwickeln ihre eignen digitalen Programme, die sich an diesem Rahmenplan orientieren. So geht die Einführung neuer Technologien Hand in Hand mit der lokal-spezifischen Auseinandersetzung vor Ort. Und auch diesen Ansatz spiegelt die Studie wider: Tschechische Lehrer legen besonders viel Wert auf Aspekte der Medienkompetenz, gleichzeitig liegen sie in der Häufigkeit der Nutzung von Computern im Mittelfeld. Qualität statt Quantität ist hier die Devise.

Der Europäische Vergleich zeigt: Viel neue Technik in den Schulen allein macht noch kein erfolgreiches Bildungskonzept im Hinblick auf digitale Kompetenz aus. Wichtig ist vielmehr, dass Akteure gemeinsam angepasste Konzepte entwickeln und überlegen, wie Technik sinnvoll eingesetzt werden kann. Dazu gehören die Freiheit des Ausprobierens und kritisches Reflektieren. Digitale Bildung an Schulen erlaubt den spielerischen Zugang zu Wissen, die personalisierte Bildung und kooperatives Lernen. Voraussetzung dafür sind aber auch Investitionen in Infrastruktur und die Weiterbildung der Lehrer. Und: Programmieren, Informatik oder Medienkompetenz sollten keine Fremdwörter mehr im Curriculum sein.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here