Gastbeitrag von Christian Thams: Europa 2.0 – Welche Rolle für Twitter?

Findet Austausch über EU-Themen nur in Brüssel statt? Wie können wir die EU-Kommunikation ausweiten und verbessern? Gelingt es, Europa über digitale Medien mehr europäische Öffentlichkeit zu verschaffen? Um diese Fragen ging es beim jüngsten EBD Exklusiv im BASE_camp. Christian Thams, Director Public Affairs bei Burson-Marsteller und einer der Referenten beim EBD hat anlässlich der Veranstaltung zur Rolle von Twitter in der politischen Kommunikation folgenden Gastbeitrag verfasst.

Twitter – Mainstream in der politischen Kommunikation

Christian Thams, Director Public Affairs bei Burson-Marsteller, Foto: privat

Social Media Plattformen wie facebook, LinkedIn und Twitter spielen eine zunehmend größere Rolle in der politischen Kommunikation wie zum Beispiel die Präsidentschaftswahl in den USA zeigt. Präsident Barack Obama, der Twitterer-In-Chief, hat mehr als 24 Millionen Follower und das Foto, das er wenige Sekunden nach seinem offiziellen Wahlsieg postete, ging um die Welt. Twitter-Nutzer können sehr schnell und informell über Ereignisse und Themen und vor allem miteinander kommunizieren. Und mit heute weltweit mehr als 500 Millionen Nutzern ist Twitter im kommunikativen Mainstream verankert.

Die Plattform Twitter passt gut zum heutigen Europa: sie verbindet Menschen, ist international und einfach zu nutzen. Da heute mehr als 75 Prozent der gut 500 Millionen EU-Bürger einen Online-Zugang haben, sind eigentlich alle Bedingungen für eine größere Rolle dieser Plattformen in der politischen Kommunikation Europas vorhanden. Schätzungen gehen davon aus, dass immerhin 80 Prozent der EU-Bürger Twitter kennen, jedoch  nur 16 Prozent einen Twitter-Account haben oder gar nutzen. Gerade im Vergleich zu den USA gibt es noch erhebliches Wachstumspotenzial. Denn die Twitter-Nutzung in der europäischen politischen Kommunikation hat noch keine herausragende Rolle, ist jedoch wenigstens schon angekommen.

State of the Twitter-EU

“Autumn end november: The night has fallen/The bare branches can be seen/Even more lonely”. Diesen, zur eher dunklen Stimmung in der Europäischen Union passenden Tweet, veröffentlichte Haiku-Enthusiast Ratspräsident Herman Van Rompuy auf seinem Twitter-Account.

Es ist nicht nur ein Zeichen, dass die EU seit drei Jahren einen sichtbaren Ratspräsident hat, der die Regierungen vertritt und ihnen ein Gesicht gibt. Es ist auch symptomatisch für die Bedeutung der Plattform, dass er auf Twitter ist und z.B. Brüsseler Journalisten seinem Account folgen, weil er oft Nachrichten über Twitter bekannt gibt. Denn heute sind alle drei großen EU-Institutionen (Kommission, Rat und Parlament) und ihre Präsidenten auf Twitter präsent.

Darüber hinaus sind Twitter-Accounts für die Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten oder ihre Regierungschefs in Europa heutzutage Standard. Wie mein Kollege Matthias Lüfkens und sein Team in der Studie Twiplomacy herausgefunden haben, sind nur die deutsche und die italienische Regierung sowie Angela Merkel und Mario Monti als jeweilige Regierungschefs Twitter-los. Da der Bundestagswahlkampf in der Vorbereitung ist, sollte es nicht mehr allzu lange dauern, bis die Kanzlerin (und ihr Herausforderer) ihre Twitter-Abstinenz aufgeben.

Ernüchternd sind allerdings die nackten Zahlen (für die englischsprachigen Accounts): Kommissions-Präsident José Manuel Barroso  hat nur etwas mehr als 20. 0000 Follower, ähnlich viele hat der deutsche Parlamentspräsident Martin Schulz. Der oben erwähnte EU-Ratspräsident Herman van Rompuy sticht da mit mehr als 87.000 Followern heraus. Ein Schelm, wer dabei an die sich ändernde Machtbalance zwischen den Institutionen denkt, die sich darin widerspiegeln könnte. Bemerkenswert ist sicherlich, dass alle drei bemerkt haben, dass Twitter eben auch für einen Dialog geeignet ist, auch wenn das sicherlich noch ausbaufähig bleibt.

Etwas gleichmäßiger sieht es bei den Follower-Zahlen von Rat und Kommission aus, die etwas mehr 86.000 Follower haben, während sich das EU-Parlament als Volksvertretung mit 15.000 Followern begnügen muss. Fairerweise muss man allerdings sagen, dass dazu noch die Twitter-Accounts vieler Kommissare und sehr viele EU-Parlamentarier kommen, denen Interessierte auch direkt folgen können.

Ein Blick auf die Europaabgeordneten

Da das Europäische Parlament momentan die einzige EU-Institution ist, deren Mitglieder direkt gewählt werden, und die Abgeordneten ein konkretes Interesse an der Kommunikation mit Bürgern (d.h. potentiellen Wählern) haben, lohnt sich ein Blick auf eine Studie „European Parliament Digital Trends“ von 2011 über die digitale Kommunikation der Europaabgeordneten.

Demnach ist Twitter weit davon entfernt, dass wichtigste Kommunikationsinstrument der Abgeordneten zu sein, was auch nicht zu erwarten war. Immerhin ein gutes Drittel der Europaabgeordneten nutzte Twitter bereits in 2011, 30 Prozent treten regelmäßig in einen Dialog und 55 Prozent die Meinungen sind veröffentlichen. Die Europaabgeordneten spüren auch das Sprachen-Dilemma der europäischen Politik, in dem das Englische dominiert. Sollen sie in der Muttersprache twittern und so eher die Bürger in der Heimat erreichen? Oder sollen sie Englisch schreiben, so dass sie eher Teil der Brüsseler und internationalen Diskussionen sind? Es wundert nicht, dass viele Abgeordnete versuchen, zweisprachig zu kommunizieren, um beides zu erreichen.

Was kann Twitter?

Sieht man sich Realität und Potenzial von Twitter in der europäischen Kommunikation an, so können drei Bereiche für die zukünftige Nutzung dieser Plattform wichtig sein:

Die Brussels Bubble platzen lassen

Die EU und Europa kämpfen damit, oft als Eliten-Projekt wahrgenommen zu werden. Auch wichtige EU-Diskussionen auf Twitter (Beispiel sind #SOTEU oder die Anhörung zum neuen EU-Gesundheitskommmissar unter #Borg) beschränken sich derzeit oft auf die sogenannte Brussels Bubble – diejenigen die in Brüssel für und mit den EU-Institutionen arbeiten.

Dahinter steht das alte Grundproblem: wie begeistert man mehr Menschen für Europa und die EU? Twitter ist hier sicher kein Allheilmittel, kann jedoch Hürden abbauen, Transparenz erleichtern und den Dialog über die EU fördern und so einen Beitrag zum Platzen der Brussels Bubble liefern.

Dazu müssen allerdings auch die aktiv werden, die so oft in diesen Diskussionen fehlen und die einen so großen Beitrag leisten könnten: die europäischen Bürger. Das Engagement muss der Einzelne schon leisten wollen, wenn er mitdiskutieren will.

Personalisierung der EU

Ein oft gehörter Vorwurf ist, dass die EU eine graue, kaum fassbare Bürokratie ohne Gesichter ist. Im Krisen-Europa hat sich das geändert, da kaum eine Woche ohne europäische Sitzungen vergeht, auf denen über die Zukunft der EU diskutiert wird und bei denen die europäischen Entscheider zu sehen sind.  Twitter kann dazu beitragen, dass europäische Politiker leichter zu erreichen, sichtbarer und auch als Menschen (und Haiku-Liebhaber) greifbarer werden. Europäische Politik kann so fassbarer werden.

Europa ist mehr als Europapolitik

Die oft vermisste europäische Öffentlichkeit ist auf Twitter manchmal Realität. Wer sich die Twitter-Diskussionen an Spieltagen der Champions League, internationalen Ereignissen wie Olympia 2012 in London oder bei der Premiere des James-Bond-Films „Skyfall“ ansieht, der kann erahnen, welches Potential Twitter und andere Social Media Plattformen für die Kommunikation über europäische Grenzen hinweg besitzen. Von solchen Gemeinsamkeiten kann auch die politische Diskussion in Europa profitieren.