Interview mit Christian Hirte:

Das Potenzial im Mittelstand 4.0 ist nicht ausgeschöpft

Christian Hirte ist Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und Beauftragter der Bundesregierung für Mittelstand und für die neuen Bundesländer. Als Mittelstandsbeauftragter setzt er sich dafür ein, die Innovationskraft und Beschäftigung in der mittelständischen Wirtschaft und die Wettbewerbsfähigkeit, weiter voran zu treiben. Was das Ministerium zum Fortschritt der digitalen Transformation aktiv macht und warum ein deutsches Silicon Valley nicht der Schlüssel zum Erfolg ist, erklärte Hirte im Interview mit UdL Digital.

© Jan Kopetzky

Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen nutzen die Chancen der Digitalisierung bisher nur unzureichend. Wie groß ist das Potenzial der Digitalisierung im Mittelstand?

Das Potenzial ist sehr groß und noch nicht ausgeschöpft. Mittelständische Unternehmen könnten in Deutschland bis 2025 durch konsequente Digitalisierung bis zu 126 Milliarden Euro zusätzliche Wertschöpfung erzielen. Das deutsche Wirtschaftswachstum könnte pro Jahr um 0,3 Prozent höher ausfallen, wenn die kleinen und mittleren Unternehmen konsequent auf die Chancen der Digitalisierung setzen und entsprechende Projekte vorantreiben würden.

Der BDI beklagt, dass die Regierung so gut wie nichts für den Mittelstand unternimmt, obwohl Peter Altmaier sich als „Minister für den Mittelstand“ bezeichnet hat. Kritisiert wird unter anderem die digitale Infrastruktur. Tun Sie bisher zu wenig für den Mittelstand und seine digitale Transformation? In welchen Bereichen sind aus ihrer Sicht weitere Fortschritte notwendig?

Angesichts des robusten Wachstums und guter Gewinne von Unternehmen kann nicht alles falsch sein, was die Politik auch für den Mittelstand tut. Das Bundeswirtschaftsministerium hat einige Initiativen zur Förderung der Digitalisierung des Mittelstandes auf den Weg gebracht, z.B. die Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren, die Initiative Digital Hubs, die Start-ups, Unternehmen und Wissenschaft zusammenbringt sowie das Förderprogramm „go-digital“. Aber immer noch halten 25 Prozent der Unternehmen die Digitalisierung für unnötig und nur bei 42 Prozent gehört die Digitalisierung zur Geschäftsstrategie. Zur Wahrheit gehört: Gerade die vollen Auftragsbücher machen es für manche Unternehmen schwer und nicht prioritär, sich mit strategischen Fragen der Zukunft zu beschäftigen. Hier sind Maßnahmen gefragt, um das Bewusstsein für die Chancen der Digitalisierung zu stärken und neue digitale Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsnetzwerke zu entwickeln.

Was können mittelständische Unternehmen selbst tun, um den digitalen Wandel hin zu einem Mittelstand 4.0 mitzugestalten? Wo liegen dabei die Herausforderungen?

Nicht die Imitation des Silicon Valley wird uns Erfolg bringen, sondern der Transfer unserer Stärken in das Digitale Zeitalter: Inhaberpersönlichkeiten mit Pioniergeist und langfristiger Orientierung, flache Organisationsstrukturen und eine vertrauensvolle Unternehmenskultur sowie attraktive Arbeitsplatzangebote für junge Fachkräfte. Herausforderungen sind hierbei vor allem das fehlende leistungsfähige Breitbandnetz, hoher Zeitaufwand in Konkurrenz zum laufenden Tagesgeschäft, fehlendes Know-how der Mitarbeiter, hoher Investitionsbedarf, IT-Sicherheit und Datenschutz sowie die notwendige Einbindung in die Unternehmensstrategie. Politik und Unternehmen selbst haben also jede Menge Hausaufgaben.

Im Koalitionsvertrag heißt es, die Bundesregierung wolle „Experimentierräume einrichten, um innovative technische Systeme und neue Geschäftsmodelle zu erproben“ – davon dürfte auch der innovative Mittelstand profitieren. Wie ist der Stand bei diesem Vorhaben und wie soll das genau aussehen?

In den sog. Reallaboren können u.a. digitale Technologien und Geschäftsmodelle zeitlich befristet in einem örtlich abgegrenzten, rechtlich angepassten und abgesicherten Raum getestet werden. Vereinfacht gesagt wollen wir Strukturen anbieten, die für die öffentliche Hand untypisch sind und den Bedingungen einer solch schnellen und wechselvollen Branche folgen. Das Ziel ist, dass der Gesetzgeber Erfahrungen mit der Regulierung von – oftmals disruptiven, digitalen – Innovationen sammeln kann. Das kommt natürlich auch dem Mittelstand zugute. Eine Projektgruppe des BMWi hat eine umfangreiche Reallabore-Strategie erarbeitet, die zeitnah offiziell startet. Vorab nur so viel: Es geht darum, Interessierte zu vernetzen und zu informieren sowie Reallabore zu initiieren und zu begleiten.

Am 3. und 4. Dezember 2018 findet in Nürnberg der Digital-Gipfel unter der Federführung des BMWi statt. Welche digitalpolitischen Initiativen für die Förderung des Mittelstandes können wir erwarten?  

Der diesjährige Digital-Gipfel setzt als inhaltlichen Schwerpunkt das Thema Künstliche Intelligenz. Er greift auch die KI-Strategie der Bundesregierung auf. Diese dient dazu, die Entwicklung und Anwendung von Künstlicher Intelligenz in Deutschland auf ein weltweit führendes Niveau zu bringen. Auch der Mittelstand nutzt schon heute KI-Anwendungen und profitiert von dieser Strategie. Die Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren werden weiter ausgebaut. Speziell auf den Mittelstand zugeschnitten ist auch eine Initiative, die Projekte im Bereich der IT-Sicherheit für kleine und mittlere Unternehmen fördert. Außerdem erarbeitet das BMWi gerade ein Investitionszuschussprogramm, das einzelne Unternehmen und Unternehmensnetzwerke bei der Finanzierung digitaler Technologien und des entsprechenden Know-hows unterstützen wird.