Interview mit DFKI-Unternehmenssprecher Reinhard Karger:

Künstliche Intelligenz real erlebbar machen

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Foto: Christian Krinninger

2019 wird das Wissenschaftsjahr unter dem Motto “Künstliche Intelligenz” (KI) stehen. Und auch das politische Jahr 2018 kennt kein größeres Buzzword. Wie wird KI unser Leben verändern? Und welche ethischen und rechtlichen Rahmenbedingungen braucht es für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Technologie? Das sind die zentralen Fragen, mit der sich die Politik derzeit beschäftigt – um bis Ende des Jahres eine nationale KI-Strategie auszuarbeiten. Aber worüber sprechen wir eigentlich, wenn es um Künstliche Intelligenz, Machine Learning oder deren konkrete Bedeutung für Wirtschaft und Gesellschaft geht? Meist reden wir abstrakt darüber oder nutzen Science-Fiction-Vokabeln. Einer, der täglich daran arbeitet, den Einfluss und Nutzen von KI greifbar zu machen ist Reinhard Karger. Der Unternehmenssprecher des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) ist studierter Linguist und Philosoph. Im Interview mit UdL Digital sprach er darüber, wie man kommuniziert, was Maschinen können und was den Menschen auszeichnet – und wie man Hype-Sprache überwindet.

Seit 1988 forscht das DFKI zu Künstlicher Intelligenz. Wie hat sich die öffentliche Wahrnehmung und Berichterstattung über das Thema seitdem entwickelt?

Künstliche Intelligenz hatte 1988 den Orchideenstatus einer Nischendisziplin. KI hat sehr sehenswerte Science Fiction Filme inspiriert, blieb aber ohne einen fühlbaren Einfluss auf den gelebten Alltag oder die Tagespolitik. Das Militär und die Seefahrt kannten Navigationssysteme. Das Internet gab es, das Web gab es 1988 noch nicht. Rechtschreibkorrektur war eine Frage des Dudens und der persönlichen Orthographiekenntnisse. Expertensysteme haben Experten unterstützt. Sprachverarbeitung steckte in den Kinderschuhen. Objekterkennung in Fotos war extrem fehlerbehaftet. Die Wissenschaft hatte vieles versprochen und nur manches realisiert. Im letzten Jahrzehnt allerdings wurden sehr viele Ziele erreicht oder übertroffen. Maschinelle Übersetzung hilft im Arbeitsalltag. KI liefert Mehrwerte für jeden Smartphone-Nutzer und bei jeder Suchanfrage. Autos haben Abstands- und Spurhalteassistenten und können selber einparken. In der Folge hat sich die Wahrnehmung von KI radikal gewandelt. Mittlerweile gilt KI als zentrale wirtschaftliche und gesellschaftliche Schlüsselkompetenz für die Zukunft von Arbeit, Gesundheit, Mobilität, Bildung, Produktion, Finanzen. Das Interesse ist entsprechend intensiv und plötzlich steht die Frage im Raum, ob man von den Werkzeugen, die man erfunden hat, dominiert wird. Fakt ist: KI wird bei der Lösung der drängendsten Probleme unserer Zeit helfen.

Es ist nicht einfach, so ein komplexes Thema für Laien verständlich zu machen, geschweige denn, es zu illustrieren – für Artikel in Zeitungen beispielsweise. Glauben Sie, dass die meisten Menschen ein richtiges Bild davon haben, was Künstliche Intelligenz ist und wie sie unsere Gesellschaft verändern wird?

Künstliche Intelligenz ist ein Werkzeug und keine Wundertüte und ein Thema, das offensichtlich viele Hoffnungen, viele Befürchtungen und entsprechend viel Reibung erzeugt. Die Informiertheit ist lückenhaft, oft dominieren fiktionsgetriebene Erwartungen die öffentliche Meinung. KI meint die Digitalisierung menschlicher Wissensfähigkeiten, mit dem Ziel, dass Maschinen Leistungen erbringen, für die man traditionell menschliche Intelligenz vorausgesetzt hat. Ein Diktiersystem kann auf der Basis von Mustererkennung gesprochene Eingaben in geschriebene Texte überführen – ein Mensch braucht dafür sprachliche Intelligenz. Das Ergebnis ist identisch – und in beiden Fällen ein hoffentlich fehlerfreies Textdokument. Aber ein Mensch versteht in den meisten Fällen, was er hört und kann es deshalb aufschreiben. Die Maschine nutzt Spracherkennung, überführt akustische Eingaben in Wörter und Sätze, baut aber keine innere Vorstellung auf. Maschinen werden uns vermeintlich immer ähnlicher und genau dort wird der Mensch sensibel. Erkennen ist aber eben nicht verstehen! Und Menschen, nicht Maschinen gestalten die gesellschaftliche Zukunft.

Mit welchen Formaten der Kommunikation versucht die Wissenschaft das Thema KI an die Bürger heranzutragen? Welche Rolle spielen die digitalen Kanäle dabei?

Es geht um den Dreiklang: Erreichtes präsentieren. Befürchtungen adressieren. Aussichten konkretisieren. Natürlich geht es um offene Gesprächsformate und runde Tische mit der Wirtschaft, mit Politikern, Journalisten, mit Gewerkschaftlern und mit Schülern, mit Diplomaten, aber auch mit Serviceclubs wie z. B. den Rotariern. Immer in Kombination mit der Präsentation von konkreten Systemen. Wettbewerbe eignen sich ausgezeichnet. Konkurrenz belebt das Geschäft und dehnt die Aufmerksamkeitsspanne. Denken Sie an die Begegnung Lee Sedol vs AlphaGo 2016, über die international berichtet wurde und die auch in Deutschland sehr viel Resonanz fand. Spiel, Sport, Spannung sind deutlich effektiver als Bleiwüsten, Monologe oder Tabellen. Leider sind Partien fußballspielender Roboter noch nicht so flüssig oder kombinatorisch atemberaubend, dass eine Live-Übertragung auch für Bundesligafans attraktiv ist. Aber auch das wird sich ändern.

Digitale Kanäle spielen die gleiche große Rolle wie bei allen gesellschaftlichen Themen. Wichtiger aber als die Kanäle ist die eigene Erfahrung, die persönlich erlebte Anschauung. Die Praxis ist vorrangig. Der Mehrwert von Spracherkennung ist offensichtlich, wenn man eine Kurznachricht diktieren oder mit dem Navigationssystem sprechen kann. Objekterkennung in Fotos ist außerordentlich hilfreich, wenn man als Smartphone-Nutzer in der Foto-Anwendung textuell nach Objekten suchen kann und Ergebnisse angezeigt werden mit Fotos, die man selber nicht verschlagwortet hatte, so dass man der Familie oder den Kollegen augenblicklich die Aufnahme zeigen kann, die alle Fragen beantwortet.

Seit dem letzten Regierungswechsel macht die Politik ernst und nimmt sich des Themas KI an. Wie sollten Politiker(innen) KI kommunizieren, damit die Bürger ein umfassendes Bild davon bekommen und die Thematik in ihre Wahlentscheidung einfließen lassen können?

Die Politik beschäftigt sich wirklich nicht erst seit dem letzten Regierungswechsel ernsthaft mit KI. Das mag manchem so erscheinen, aber die Gründung des DFKI vor 30 Jahren war nicht nur ein wissenschaftlicher Meilenstein, sondern auch eine politische Initiative. Korrekt, die Intensität ist gestiegen und das ist wichtig und richtig. Das KI-Eckpunktepapier der Bundesregierung wird diskutiert und zum Digitalgipfel in Nürnberg wird eine konkrete KI-Strategie erwartet. Aber Deutschland entwickelt KI, ohne die Sozialpartnerschaft zu gefährden, entwickelt Maschinen, ohne die Zuverlässigkeit zu vergessen, nutzt Daten, ohne Privatheit zu riskieren und schützt die Intimsphäre der Bürger. Möglicherweise haben manche aktuell schnellere Erfolge, aber am Ende und im tagtäglichen Einsatz wird es um tiefe Erklärbarkeit, die Vermeidung von Kontrollverlust und ganz wesentlich um Akzeptanz gehen. Die Politiker sollten helfen Übertreibungen zu vermeiden, Anschauung zu konkretisieren. Dazu ist es wichtig, sich nicht von überzogenen Marketingslogans hypnotisieren zu lassen, sondern Neugier als Kulturtechnik zu revitalisieren, die gesellschaftliche Lust auf Innovation zu befeuern. Schließlich ist Deutschland das Land der Ideen. Und Neugier ist essentiell für den Einfall, der alle mitreißt. Wenn die Politik für 2019 das Wissenschaftsjahr Künstliche Intelligenz ausruft, dann ist das ein gutes Zeichen, dass man die Wähler unterstützen möchte, Know-how durch Austausch und eigene Erfahrungen aufzubauen.

Wie unterscheiden sich die Einstellungen zu Künstlicher Intelligenz in Deutschland von denen in anderen Ländern? Welche Kommunikationsstrategien können Wissenschaft, Wirtschaft und Politik sich von anderen Ländern abschauen?

Deutschland ist nicht nur das Land der Ingenieure, sondern auch der Philosophen. Gemeinsam ist beiden, die kritische Befragung aktueller Lösungen und Trends. Gründlichkeit fördert die Erkenntnis, verbessert die Ergebnisse und mehrt in der Folge den Volkswohlstand. Und geht im ersten Schritt zu Lasten der Geschwindigkeit. In den USA und in China sind aus gegensätzlichen Gründen aktuell manche Entwicklungen rasanter, Investitionen risikofreudiger, Anwendungen pragmatischer, die Diskussion insgesamt weniger theorielastig. Das führt zu grandiosen Erfolgen in The-Winner-takes-it-all Märkten, z.B. Consumer Plattformen oder Social Networks, wo es ganz wesentlich auf die Geschwindigkeit ankommt. Je größer aber die Bedeutung von Sicherheit und Verlässlichkeit, desto mehr wird sich die gründliche Durchdringung des Gegenstandsbereichs ökonomisch, aber auch gesellschaftlich und eben menschlich auszahlen: das selbstfahrende Auto wird nur dann ein wirtschaftlicher Erfolg, wenn alle verständlichen Sicherheitsbedenken ausgeräumt sind. Wir sollten uns nicht kurzsichtig verführen lassen, unsere erkenntnisorientierten Talente für kurzfristige Erfolge zu gefährden. Wir – und damit meine ich auch die Wissenschaft – sollten ganz bestimmt noch intensiver an der konkreten Anschauung und der Verständlichkeit arbeiten, noch mehr in den Forschungszentren, den Instituten und auf Messen präsentieren und diskutieren, erklären, was Maschinen können und was den Menschen auszeichnet – und ich hoffe, dass das von der Politik, aber auch von Stiftungen noch umfänglicher finanziert wird, denn wir brauchen einen informierten gesellschaftlichen Diskurs.