Neue Personalie im Kanzleramt:

Kirsten Rulf ist neue Chefin im Referat 621

Kirsten Rulf führt ab Januar das Referat für „Grundsatzfragen der Digitalpolitik“. Die frühere Fernsehjournalistin, Harvard-Absolventin und KI-Forscherin will im Kanzleramt viel bewegen – via Spotify darf ihr dabei jeder zuhören. 

Foto: CC BY-ND 2.0 Flickr User simone. Bildname: Kanzleramt. Ausschnitt bearbeitet.

Es war ein eher ungewöhnlicher Aufruf, den Helge Braun (CDU) im Mai absetzte: „Wir suchen Nerds fürs Kanzleramt“, schrieb er auf Twitter und versprach einen#Neulandjob. Gesucht wurde eine Leitung sowie mehrere Mitarbeiter fürs Referat 621 „Grundsatzfragen der Digitalpolitik“. Mehr als 1000 Bewerbungen gingen ein, schließlich schreibt das Kanzleramt nicht alle Tage eine externe Stelle aus, noch dazu für ein so agiles Thema wie Digitalisierung. Ein Dreivierteljahr später ist die Chefin des Referats gefunden: Kirsten Rulf tritt die Stelle am 2. Januar an, wie ein Regierungssprecher auf Anfrage von Tagesspiegel Background bestätigt. Ein Nerd ist Rulf zwar trotz ihrer Hoodies im Kleiderschrank nicht, aber dennoch bringt sie fürs Kanzleramt dringend benötigte Fähigkeiten mit.

Enge Zusammenarbeit mit Christiansen und Braun

Intensiv hat sich Rulf die vergangenen Jahre damit beschäftigt, wie die Digitalisierung Wirtschaft, Gesellschaft und Politik verändert – und damit genau mit den Themen, die sie für ihre neue Aufgabe braucht. Dazu gehört beispielsweise, die Mitte November beschlossene Strategie Künstliche Intelligenz und die Umsetzungsstrategie entscheidend voran zu treiben. Dafür wird Rulf eng mit Eva Christiansen zusammenarbeiten, Leiterin der Abteilung 6 für Politische Planung, Innovation und Digitalpolitik sowie Strategische IT-Steuerung, und mit Braun, der als Kanzleramtschef auch Chefkoordinator der Digitalstrategie ist. Auch wird sie den Digitalrat bei seiner Arbeit unterstützen.

Vielen Fernsehzuschauern dürfte Rulf noch aus „Tagesschau“ und „Tagesthemen“bekannt sein, zehn Jahre hat sie als Reporterin des Westdeutschen Rundfunks (WDR) aus Nordrhein-Westfalen und Brüssel berichtet. 2015 ging Rulf im Rahmen des McCloy-Stipendiums nach Harvard, 2017 machte sie ihren Master in Public Policy an der Kennedy School. Für ihre Masterarbeit programmierte Rulf nach eigenen Angaben zwei Machine Learning Algorithmen, um Daten von Patentanträgen zu analysieren. Das Ziel: Den Staat auf Augenhöhe mit den Unternehmen zu bringen, die im Zweifel keine marketingfreien Antworten geben zu den Folgen der Anwendung und notwendigen Regulierungen.

Rulf gründete in Harvard die „Autonomous Vehicles Policy Initiative“

Nach dem Master startete Rulf ihr eigenes Forschungsprojekt: Die „Autonomous Vehicles Policy Initiative“. Sie brachte Vertreter von Städten und Staaten wie Boston, Arizona oder Toronto mit Vertretern von Plattformen wie Google und Uber an einen Tisch, um gemeinsam Regulierungen für öffentlichen Nahverkehr und autonom fahrende Autos zu diskutieren und zu finden – ein Thema, das auch in Deutschland auf der Agenda ist, weshalb Rulf wohl gefragte Gesprächspartnerin für das Bundesverkehrsministerium mit Andreas Scheuer (CSU) und die Vertreter der Automobilbranche werden dürfte.

Dazu hat sich Rulf an der Harvard Law School, wo sie auch als Lehrkraft tätig war, mit „Computation und Compliance“ beschäftigt. Sie ging der Frage nach, wie ein Algorithmus so programmiert werden kann, dass er sich so regelkonform wie ein menschlicher Mitarbeiter verhält, beispielsweise weder zum Sexisten noch zum Nazi wird.

Wie wird aus einem Start-up ein Einhorn?

Hilfreich für Rulfs neuen Job dürften ebenfalls ihre Einblicke in die amerikanischeStart-up-Kultur sein. Beim German Accelerator in Palo Alto forschte sie im Sommer 2016 darüber, wie aus Start-up ein Einhorn werden kann und warum sich deutsche Gründer so schwer damit tun – ein Thema für die Agentur für Sprunginnovationen, die 2019 ihre Arbeit aufnehmen soll.

Derzeit ist Rulf noch als Visiting Fellow am Israel Public Policy Institute in Tel Aviv tätig, seit Oktober arbeitet sie dort angedockt an das Büro von Israels Premierminister Benjamin Netanjahu, um die öffentliche Verwaltung bei der digitalen Transformation zu beraten. In Israel hat sie sich auch mit Cybersecurity beschäftigt, die dort gewonnen Einblicke dürften für Interesse sein für die Agentur für Innovationen in der Cybersicherheit.

Ein Team aus „Hipstern, Hustlern und Hackern“

In Berlin wartet auf Rulf, die vom Kanzleramt selbst auf die Stellenausschreibung aufmerksam gemacht worden war, nun quasi ein Start-up mit Kanzlerin hinten dran. Die Abteilung 6 ist in dieser Legislatur neu gegründet worden, damit der KI-Strategie und den weiteren Digitalvorhaben nicht das gleiche Schicksal droht wie der Digitalen Agenda zuvor. Deshalb hat sich Rulf für ihr Team auch „Hipster, Hustler und Hacker“ gewünscht, die fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen noch im ersten Quartal ihren Dienst antreten.

Rulfs größte Herausforderung dürfte wohl sein, dass ihr eigener Schwung nicht in den Mühlen der Verwaltung zermalmt wird. Dienlich wird dafür der von ihr geschätzte Ansatz „Show, don’t tell“ sein – deshalb darf sich Helge Braun schon jetzt auf eine Einladung zum Brownbag-Lunch freuen, ihre neuen Kolleginnen und Kollegen auf ein Buddy-System, bei Open-Office-Hours wird beispielsweise die Blockchain erklärt. Welchen Sound Rulf ins Kanzleramt bringt, soll übrigens jeder mithören können: Auf Spotify will sie jede Woche eine Playlist mit dem „Sound of 621“veröffentlichen.

Der vorstehende Artikel erscheint im Rahmen einer Kooperation mit dem Tagesspiegel BACKGROUND Digitalisierung & KI auf UdL Digital. Sonja Álvarez schreibt über Digitalthemen, Start-ups und die vernetzte Gesellschaft.