Passt Politik überhaupt in 140 Zeichen?

Manche Diskussionen bei Twitter erinnern an den Mechanismus eines schwarzen Lochs: Das soziale Netzwerk zieht Unmengen von Aufmerksamkeit an, verschluckt unterschiedslos Tweets und Hashtags, ohne diese zu filtern und ist dennoch für einen großen Teil der Gesellschaft unsichtbar. Jede gesellschaftspolitische Debatte im Netz besitzt dadurch eine enorme Dichte an Meinungen und Argumenten. Doch braucht eine vernünftige Antwort auf eine Frage nicht mehr Raum und Zeit? 140 Zeichen für eine Erklärung, 15 Sekunden für ein Argument – muss die politische Kommunikation der digitalen Verkürzungstendenz bedingungslos folgen? Werden komplexe politische Sachverhalte für die breite Masse der Bevölkerung dadurch verständlicher und zugänglicher?

Informationsbündel – bei Twitter und der ARD

Christoph Bieber, Politikwissenschaftler für Ethik in Politikmanagement und Gesellschaft an der Universität Duisburg-Essen, glaubt an den qualitativen Austausch im Tweet-Format: „Politische Kommunikation via Twitter erlaubt durchaus die Diskussion komplexer Inhalte – dann allerdings müssen die Verknüpfungsmöglichkeiten per Hashtag, @-Reply, Retweet oder Hyperlink ausgenutzt werden.“ Sobald Twitter jedoch nur als Second Screen ein anderes Format begleitet, indem lediglich einzelne Satzbausteine wiedergegeben werden, seien die Kommunikationsmöglichkeiten beschränkt, meint der Politologe.

Wie inhaltsreich kann eine politische Diskussion auf Twitter sein?
Wie inhaltsreich kann eine politische Diskussion auf Twitter sein?
Um einer Debatte bei Twitter sinnvoll folgen zu können, identifiziert Bieber daher zwei verschiedene Ansätze: „Twitter funktioniert am besten als mehrstufige, interaktive Konferenzschaltung mit wenigen Teilnehmern und vielen Lesern – oder als digitaler Aufmerksamkeitshaufen, der jedoch mit technischen Filtersystemen entwirrt werden muss“, so Bieber. Wenige aktive Teilnehmer bei Twitter, die eine politische Diskussion führen, während alle anderen brav mitlesen – diese Vorstellung ist wohl eher eine Dystopie für alle Twitter-Nutzer und widerspricht auch der Intention der Erfinder. Bessere Ergebnisse verspricht da die technische Herangehensweise. Mit dem Einsatz diverser Filtersysteme hat man sicher größere Chancen auf ein aussagekräftiges Meinungsbild.

Für die breite Masse, die einfach nur verstehen will, welche Argumente Merkel und Steinbrück während des TV-Duells wirklich ausgetauscht haben, ist eine solche Analyse von Twitter-Statistiken wohl kaum als täglich einsetzbares Instrument geeignet. Hilfreich sind hier die Angebote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, dem es in diesem Wahlkampf gelungen ist, die verschiedenen Informationskanäle zu bündeln und durch ganz unterschiedliche TV-Formate zu ergänzen. So stellten sich Angela Merkel sowie Peer Steinbrück in der „ARD-Wahlarena“ den Fragen des Publikums. Wohltuend an diesem Format war, dass Publikum und Spitzenkandidaten Zeit hatten, um miteinander ins Gespräch zu kommen und auch mal eine Rückfrage zu stellen. Verschiedene Twitter-Kommentatoren forderten sogleich die „Wahlarena“ als regelmäßiges Format zu etablieren.

Ein einzelner Hashtag kann den gesellschaftlichen Wandel einleiten

Auch die #wahlarena wurde natürlich bei Twitter begleitet, doch politische Angelegenheiten müssen nicht zwangsläufig auf 140 Zeichen verkürzt werden, stellt Leonhard Dobusch, Juniorprofessor für Organisationstheorie an der Freien Universität Berlin, fest: „Twitter ist viel mehr als 140 Zeichen. Vielmehr können schon neun Zeichen wie bei #Aufschrei für alternatives Agenda-Setting sorgen und neue Diskussionsstränge eröffnen.“ Damit ermöglichen Hashtags wie #Aufschrei oder #Schauhin eine Vernetzung und Solidarisierung verstreuter Individuen, die für alle öffentlich sichtbar ist. Außerdem erhalten auch unbekanntere Blogs durch Verlinkungen in Tweets eine Aufmerksamkeit, die ihnen ohne diese Verbreitung kaum zuteil werden würde, betont Dobusch, der selbst Blogger ist.

Immer wieder gibt es Versuche, den Hype um Twitter durch Studien abzudämpfen, nach denen die Nutzerzahlen des Microblog-Dienstes weit hinter der Anzahl der Facebook-Profile liegen. Doch Twitter bleibt das Phänomen des schwarzen Lochs – nichts entkommt dem Netzwerk, was sich auch nur in die Nähe wagt. Dobusch schätzt das Potenzial von Reichweite und Wirkung daher als relativ hoch ein: „Und auch wenn politische Twitter-Gemeinschaften immer noch ein Minderheitenphänomen sind, so können sie dennoch bisweilen jene ‚kritische Masse’ bilden, die für gesellschaftlichen Wandel notwendig ist.“

„Fehlende Nachhaltigkeit, nicht Kürze ist die Schwachstelle“

Allerdings sieht Dobusch einen Nachteil in der Kurzfristigkeit der Aufmerksamkeitsspanne für ein bestimmtes Thema. Sei es ein Hype oder ein ausgewachsener Shitstorm – soziale Netzwerke überwinden den Höhepunkt einer Debatte schneller als die klassischen Massenmedien. So schlussfolgert Dobusch: „Fehlende Nachhaltigkeit, nicht Kürze ist die Schwachstelle digital-politischer Kommunikation.“

Die Komplexität einer politischen Debatte wird durch die Verlinkungen von Artikeln und Blogeinträgen sicher nicht reduziert. Ein Hashtag wiederum hat durchaus den Vorteil, die Diskussionen zumindest thematisch zu bündeln. Alle bestehenden sozialen Netzwerke haben ihre eigenen Zielgruppen, die in ihrer spezifischen Geschwindigkeit interagieren wollen. Wer ausführliche Antworten will, kann immerhin auf die Wahlprogramme der Parteien zurückgreifen. Wenn ein Hype bei Twitter vorüberzieht, ist er zwar nicht länger sichtbar, aber ganz verschwunden ist er auch nicht – anders als bei einem schwarzen Loch, wo man bis heute nicht genau weiß, was mit den Dingen passiert, die sich im Inneren befinden.

Der vorstehende Artikel erscheint im Rahmen einer Kooperation mit dem Berliner Informationsdienst auf UdL Digital. Aylin Ünal ist als Redakteurin des wöchentlich erscheinenden Monitoring-Services für das Themenfeld Netzpolitik verantwortlich.

Kommentieren Sie den Artikel