Stadt, Land, Internet:

Digitalisierung wirkt Landflucht entgegen

Foto: CC BY-SA 2.0 Flickr User (M). Bildname: Street Life. Ausschnitt bearbeitet.

Goodbye Kuhkaff? Nicht nur in Ländern mit großen Metropolen, sondern auch in Deutschland ist Landflucht ein Trend, der seit längerer Zeit anhält. Vor allem junge Leute zieht es weg, weil häufig gute Infrastruktur, Bildungsangebote und Arbeitsplätze fehlen. Doch es gibt noch einen Trend: Die Verlagerung vieler Lebensbereiche – Bildung, Wirtschaft, Politik, Medizin – ins Internet. Wenn Uber die Oma zum nächsten Supermarkt bringt, der Hausarzt nur einen Mausklick entfernt ist und die (Schul-)Arbeit zunehmend auch vom heimischen Schreibtisch erledigt werden kann, muss niemand mehr in die Großstadt ziehen, um gleiche Chancen zu haben – zumindest in der Theorie. Bei Downloadgeschwindigkeiten weit unter 50 Megabit pro Sekunde scheitern die guten Möglichkeiten vielerorts aber an einer schnellen Breitbandverbindung.

Studie VKU und Bertelsmann

Was in der Verfassung festgeschrieben ist, hinkt in der Realität: Die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse. Längst gibt es zwischen den Regionen starke Unterschiede bei der Daseinsvorsorge – zu der auch die digitale Infrastruktur gehört. Deshalb findet Katherina Reiche, Hauptgeschäftsführerin des Verbands Kommunaler Unternehmen (VKU):

„Der Glasfaserausbau ist das wichtigste Infrastrukturprojekt der Legislaturperiode.“

Ihr Verband hatte zuvor 300 Firmen zu den Chancen der Digitalisierung für den ländlichen Raum befragt. Das Ergebnis zeigt: Die meisten Firmen schätzen, dass das Leben auf dem Land durch die Digitalisierung attraktiver wird. Hemmschuh sei allerdings der langsame Breitbandausbau. Knapp 65 Prozent der Unternehmen gaben an, dass der Breitbandausbau derzeit die größte Herausforderung in ihrem Geschäftsgebiet sei.

Dabei könnten digitale Innovationen auch bei der Daseinsvorsorge auf anderen Gebieten helfen. Die Bertelsmann-Stiftung hat in ihrem Projekt „Smart Country“ fünf Handlungsfelder ausgemacht, in denen digitale Innovationen eine Aufwertung ländlicher Regionen bewirken könnten. Im Bereich „Gesundheit und Pflege“ etwa sollte Sensoren- und technikgestütztes Wohnen und Leben ausgebaut werden, im Handlungsfeld „Mobilität und Logistik“ digital vernetzter Personenverkehr und auf dem Gebiet „Wirtschaft und Arbeit“ könnte „Open Data“ auf kommunaler Ebene zu vielen neuen digitalen Geschäftsmodellen führen.

Digitale Dörfer

In diese Kerbe schlägt auch das Projekt „Digitale Dörfer“, das vom rheinland-pfälzischen Innenministerium, dem Fraunhofer IESE und der Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz gefördert wird. Gemeinsam mit den Testregionen Betzdorf, Eisenberg und Göllheim möchte man demonstrieren, wie sich durch die Digitalisierung neue Chancen für ländliche Regionen auftun. In der ersten Projektphase zwischen Juli 2015 und Dezember 2016 ging es um digitale Innovationen rund um die lokale Nahversorgung. Entstanden sind zwei Anwendungen: Lieferbar – ein Mitbring-Service für die Gemeinde – und BestellBar, eine neue Art des Online-Marktplatzes. In der zweiten Projektphase von 2017 bis 2020 sind die Themenfelder Kommunikation und Mobilität hinzugekommen. In diesem Bereich wurden DorfNews und DorfFunk entwickelt. Alle Angebote, die in den zwei Kommunen entwickelt wurden, stehen anderen Kommunen als Kaufangebot zur Verfügung.