UdL Digital Talk Nachbericht:

Mehr Vision in Politik und Wirtschaft

Politik trifft Wirtschaft, Wirtschaft trifft Politik – darüber, was diese Gruppen jeweils von einander lernen können damit die Digitalisierung in Deutschland schneller voran schreitet und welche digitalpolitischen Lösungen sie jeweils für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bereithalten diskutierten beim UdL Digital Talk SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil und Laura Esnaola, Geschäftsführerin von care.com Europe. Moderiert von Cherno Jobatey im Telefónica BASECAMP ist der UdL Digital Talk die am längsten bestehenden Digital-Talkshow im politischen Berlin.

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Foto: Henrik Andree

Für mehr „privatwirtschaftliche Denke“ in der Politik plädierte die gebürtige Spanierin Laura Esnaola. Sie glaubt an die Digitalisierung und ihr Transformationspotenzial für die Gesellschaft, wichtig sei aber eine enge Zusammenarbeit zwischen Politik und Unternehmen, damit die richtigen Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden können. Selbst hat sie diese Erfahrung mit ihrem Unternehmen care.com Europe gemacht, dem weltweit größten Onlinemarktplatz für familienunterstützende Dienstleistungen. Unternehmen können durch ihre Geschäftsmodelle dort einspringen, wo die Politik bislang keine Lösungen parat hat – care.com helfe etwa in den Bereichen gleiche Entlohnung für Frauen, Altersarmut bei Frauen oder beim Fachkräftemangel in der Pflege. Doch allen Menschen auf der Welt dabei zu helfen, Betreuungsdienstleistungen für ihre Familien zu finden, funktioniere nicht ohne eine enge Kooperation mit der Politik, findet Esnaola.

Darf die Politik das? Lars Klingbeil findet: Gut ist, wenn Unternehmer und Unternehmerinnen in die Politik gehen, aber ganz sicher sollten die Parteien in der Politik nicht anfangen, wie ein Unternehmen zu denken.

„Ich bin als Sozialdemokrat natürlich daran interessiert, mit Unternehmern und Unternehmerinnen im Austausch zu sein und zu lernen, aber genauso will ich gemeinnützige Vereine, Gewerkschaften, Sozialverbände treffen und durch sie weitere Blickwinkel auf die Gesellschaft bekommen.“

Klingbeil gibt allerdings auch zu, dass der disruptive Charakter in der Politik häufig fehlt. „Vor allem beim Thema Digitalisierung musste man ganz vielen Kollegen erstmal die Angst nehmen vor dem, was da passiert, und dann waren wir noch immer nicht bei einer positiven Betrachtung“, erinnert sich der Digitalpolitiker.

„Heutzutage stellt ein Glück niemand mehr in Frage, dass Digitalisierung wichtig ist und Einfluss hat.“

Mehr „Think-Big“

Dennoch geht es in Deutschland mit der Digitalisierung langsamer als in anderen Ländern. Warum? Und was ist dagegen zu tun? Neben der verbesserungsfähigen Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Politik sieht Laura Esnaola in der innovationshemmenden Mentalität in Deutschland einen weiteren Grund für die schleppende Digitalisierung. Im Gegensatz dazu stehe beispielsweise China, wo sie selbst einige Zeit verbracht hat.

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Foto: Henrik Andree

„In China ist die Energie des Fortschritts im Bereich der Digitalisierung beeindruckend.“

Natürlich sollte man nicht das demokratische System hier aufgeben für mehr Fortschritt, gleichzeitig müsse man aber einsehen, dass die meisten Innovationen aus China kommen und wir ihnen diese am Ende abkaufen müssen. In Deutschland sehe sie sich oft mit der Situation konfrontiert, eine Idee zu haben, doch diese anschließend nicht umsetzen zu können. Ein bisschen mehr „Think Big-Mentalität“ wie in China würde Deutschland guttun – in Berlin sei man da mit Blick auf die Tech-Hubs, Venture Capital und Visa-Erleichterungen schon in eine richtige Richtung gegangen.

Weniger pessimistisch sieht es Lars Klingbeil. „Klar könnte es schneller gehen“ – doch seine Prognose für die nächsten Jahre: „Wir werden schnell vorankommen.“ Mit dem Thema Künstliche Intelligenz, der Daten-Ethikkommission, die eingesetzt werden soll, und der Staatsministerin für Digitalisierung im Kanzleramt seien die Voraussetzungen zumindest geschaffen. Optimistisch zeigt er sich auch, dass der Koalitionsvertrag 2018 der letzte war, in den die Parteien den Breitbandausbau hineingeschrieben haben. Im Vergleich zum Digitalisierungsvorreiter China sei er aber froh darüber, kein politisches System haben, wo ein Leader vorgibt, wo es lang geht, „sondern dass man auch durchaus hinterfragt.“

„So wie das in China läuft, will ich das nicht. Die Herausforderung ist doch, innovativ zu sein, ohne gesellschaftspolitische Standards aufzugeben.“

Kultur des Scheiterns in Deutschland verpönt

Nur wie? Einig ist sich Klingbeil mit Laura Esnaola darin, dass ein Mentalitätswandel Deutschland bei Innovationen helfen könnte. „Die Kultur des Scheiterns zum Beispiel ist in Deutschland völlig verpönt“, stellte der SPD-Generalsekretär fest. Anders als im Silicon Valley teste man in Deutschland wenig aus, da man fürchtet, mit seinen Ideen an die Wand zu fahren.

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Foto: Henrik Andree

„Innovationen aber entstehen durch ausprobieren und auch mal nach dreimaligem Scheitern“.

Deshalb sollte eine „Kultur des Scheiterns“ auch besser abgesichert werden, fordert er. Im Übrigen fände er auch Dorothee Bärs Aussage über Flugtaxis gut. „Sie wurde dafür belächelt, aber im Prinzip ist es genau richtig, wenn Politiker mit solchen Ideen vorwegmarschieren und sagen, in diese Richtung muss es gehen.“ Der Motor von digitalen Entwicklungen ist der Staat – dazu zählt aber nicht nur zu investieren, sondern auch, Debatten mit Zukunftsideen anzustoßen.

Digitalisierungswettbewerb: „Europa ist die Antwort“

Trotzdem wollte es Cherno Jobatey noch einmal genauer wissen: Werden wir zwischen den beiden Großmächten der Digitalisierung, China und den USA, zerlegt? Etwas ernüchternd stimmt Klingbeil Jobatey zu:

„Die Wahrheit ist, wir können uns in Deutschland noch so anstrengen, wir werden  gegen diese Länder keine Chance haben.“

Antwort auf diese Situation biete einzig Europa. „Wenn wir es schaffen, Europa digitalpolitisch gut zu positionieren, dann haben wir eine Chance mit den USA und China mitzuhalten.“

In diesem Fall sieht die Geschäftsführerin von care.com Europe weniger schwarz. China habe nicht alles, was Deutschland hat, meint Laura Esnaola. „China hat die Masse, aber Deutschland hat die Qualität“, beschwichtigt sie. Außerdem sieht sie vor allem im deutschen Mittelstand ein großes Potenzial.

Weniger Elbtunnel, mehr Familienzeit

Abgesehen von einigen Differenzen darüber, wie man die Digitalisierung in Deutschland schneller voranbringen könnte, sahen beide Diskutanten auf dem Podium in der Digitalisierung Vorteile für die Gesellschaft.

Große Fragen, digitale Antworten: Lösungen für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts

„Man muss zum Beispiel die Chancen der Digitalisierung auf dem Arbeitsmarkt sehen“, so Klingbeil.

In seinem Wahlkreis in der Lüneburger Heide pendeln beispielsweise 50 Prozent nach Hamburg. Grund dafür sei die Präsenzkultur. Der technologische Fortschritt könnte doch dabei helfen, mobiles Arbeiten zu ermöglich, wodurch mehr Zeit für die Familie entsteht. Froh zeigte er sich darüber, dass im Koalitionsvertrag bereits ein Rechtsrahmen für die Ermöglichung mobilen Arbeitens vorgesehen ist. „Das würde für meine Leute weniger Elbtunnel und mehr Familienzeit bedeuten und ist dadurch ein Gewinn durch Digitalisierung.“

Ein positives Beispiel für gesellschaftliche Vorteile durch Digitalisierung ist care.com selbst. Durch die Online-Plattform werden Leute auf der ganzen Welt erreicht und vermittelt, die jene Arbeit in Deutschland machen können, für die hier an Pflegepersonal fehlt. „Die Plattform ist ein gutes Beispiel dafür, wie Technologie diese Leute hierherbringen kann“, so Esnaola. Viele Menschen kämen beispielsweise von den Philippinen. Durch die Internet-Plattform könnten die Menschen schon vorab auf das vorbereitet werden, was sie in Deutschland erwartet und was von ihnen verlangt wird. Bevor sie im Land sind, bekommen die Menschen dank Digitalisierung Deutschunterricht und Pflegetraining.

Pflege wird immer menschlich sein

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Foto: Henrik Andree

Cherno Jobatey fasst zusammen: Vernetzung und Globalisierung schafft die Chancen dafür, dass Menschen aus Land A, wo Arbeit knapp ist einen Job bekommen in Land B, wo ein Personalmangel herrscht. Die Zukunftsfrage ist allerdings, ob wir irgendwann überhaupt noch auf Personal angewiesen sind oder Maschinen die Pflege übernehmen.

„Nein, ich glaube es wird sich nie auf Technik verlagern, sondern Technik wird eingesetzt werden zur Hilfe – etwa durch Sprachsteuerungssysteme, um das Fenster zu öffnen oder zu schießen.“

Genauso wie Klingbeil findet auch Laura Esnaola:

„Technologie wird die Art der Arbeit verändern, aber sie wird immer menschlich sein.“

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Foto: Henrik Andree